Dominanz eines Auges
Die Äugigkeit – englisch eyedness – beschreibt Asymmetrien der Augen. Sie sind komplex gesteuerte Sinnesorgane und gelten als Spiegel der Seele. Die Augen-Dominanz ist seit vielen Jahren Gegenstand der Forschung und noch immer nicht vollständig verstanden. So kann die Vorliebe, ein Auge mehr als das andere zu verwenden, von der Seh-Aufgabe abhängen. Mit der Zeit haben sich drei Dominanzbereiche herauskristallisiert:
- die Dominanz eines Auges aufgrund der Sehschärfe
- die sensorische Dominanz eines Auges bei binokularen Wahrnehmungen
- die motorische Dominanz eines Auges beim Anvisieren eines Zieles
Äugigkeit nach der Sehschärfe
Ein Augenoptiker bestimmt das sogenannte Führungsauge. Es ist für ihn das Auge mit der höchsten Sehschärfe. Fällt es aus irgendeinem Grund aus, hat es den größeren Einfluss auf das Seherlebnis mit beiden Augen. Es findet Berücksichtigung bei der Anpassung von Kontaktlinsen und Brillengläsern.
Der dioptische Apparat steuert die Sehschärfe. Dazu gehören, von außen nach innen, die Hornhaut (Cornea), das Kammerwasser (Humor aquosus), die Augenlinse (Lens oculi) und der Glaskörper (Corpus vitreum). Seine physiologische Aufgabe ist es, umgekehrte, verkleinerte Abbilder der äußeren Umwelt auf die Netzhaut zu projizieren.
Äugigkeit nach der sensorischen Dominanz
Die sensorische Dominanz eines Auges beschreibt die Beziehung zwischen beiden Augen und dem Gehirn (Ooi 2020). Die Forschung auf diesem Gebiet bedarf einem hohen technischen Aufwand gemäß neuster Technologien. Dieser Wissenschaftszweig ist ein Teilgebiet der Neurowissenschaften und finden am Menschen meist in einem mehr oder weniger klinischem Umfeld statt. Das Testprinzip beruht darauf, dem Beobachter/Probanden für jedes Auge Bilder zu präsentieren, die er als zusammengefügtes ganzes Bild wahrnimmt. Durch die Variation der beiden Bilder in einer bestimmten Abfolge können Unterschiede in der Zeit bis zur Erkennung von bestimmten langsam auftauchenden Strukturen gemessen und verglichen werden. Ein Auge ist dominant, wenn es einen definierten Reiz unter bestimmten Bedingungen schneller erkennt. Es kommt oftmals vor, dass die sensorische Dominanz nicht mit der motorischen Dominanz übereinstimmt. Die genauen Zusammenhänge sind noch immer unklar.
Äugigkeit nach der motorischen Dominanz
Die ältesten Methoden zur Bestimmung eines dominanten Auges erfolgen über das Zusammenspiel des optischen Apparates, der sensorischen Augendominanz und der inneren und äußeren Muskeln des Auges. Die folgenden Tests sind sehr oft in der wissenschaftlichen Literatur zu finden (Moreno 2022):
Entscheidung für ein Auge:
- Sehen durch ein Teleskop
- Sehen durch den Türspion/Schlüsselloch
- Den Füllungszustand in einer dunklen Flasche überprüfen
- Durch den Sucher einer Kamera sehen
Diese Tests sind nicht eindeutig. Das Ergebnis kann von der Seh-Erwartung, räumlichen Gegebenheiten, der gelebten Seitigkeit und von Gewohnheiten im Umgang mit einem Teleskop oder Flaschen, der Stellung zu sich öffnenden Türen oder der Erfahrung mit Kameras mit Sucher beeinflusst sein.
Tests mit beiden Augen:
- Porta-Test
- Miles-Test
- Hole-in-Card-Test
- Hole-in-Hand-Test
Auch diese Tests sind nicht frei von störenden Einflüssen wie der Kopf-Ausrichtung, der gelebten Händigkeit und der Ausrichtung des Körpers im Stand. Trotzdem lassen sich damit sehr gute Ergebnisse erzielen, wenn die wichtigste Störgrößen beachtet werden:
Anpassung an Fern- und Nahsicht
Die jeweilige Tätigkeit vor dem Test stellt die Augen entweder auf das Nah-Sehen oder das Fern-Sehen ein. Umstellungen von nah auf fern und umgekehrt benötigen eine gewisse Anpassungszeit und eine Veränderung der inneren Aufmerksamkeit.
Eine große Fehlerquelle ist bei der Anwendung aller Test mit beiden Augen der Fakt, dass der Proband sich nicht ausreichend auf die Fernsicht konzentriert. Die Betrachtung eines Fingers (Porta-Test), die Konzentration auf eine Kegelform (Miles-Test), die Betrachtung einer Karte mit einem Loch (Hole-in-Card-Test) oder die eigenen Hände/Finger (Hole-in-Hand-Test) können die Nah-Sicht auslösen und das Testergebnis verfälschen.
Peripheres statt fokussiertes Sehen
Das schärfste Bild entsteht beim fokussierten bzw. zentralem oder fovealem Sehen. Das anvisierte Ziel liegt in der Blickachse mit nur einer minimalen Abweichungen bis zu 2°. Überwiegt bei der Einnahme der Test-Haltung noch das periphere Sehen, weil noch nicht die volle Konzentration auf dem anvisierten Ziel liegt, verschiebt sich die Augendominanz auf das stärker peripher sehende nicht dominante Auge.
Die innere Aufmerksamkeit
Ein Mensch, der über etwas intensiv nachdenkt, kann in die Ferne blicken und doch nicht Fern-Sehen. Seine innere Aufmerksamkeit ist mit inneren Denk-Prozessen beschäftigt, das Sehen läuft nebenher oder peripher – eine unauffällige Form des „Träumens mit offenen Augen“. Die innere Einstellung des Nicht-Aktiv-Werden-Wollens drückt sich in der Einstellung des Blickes aus.
Genauso umgekehrt, kann ein gerade im Außen sehr aktiver Mensch, zwar auf ein nah liegendes Objekt sehen, doch ist sein Sehapparat an den inneren Zustand der Aktivität gekoppelt und auf einen schnellen Wechsel in die Ferne eingestellt. Die Nah-Einstellung der Augen benötigt eine ruhige Atmung in einem ruhigen, zur Konzentration auf eine Sache, geeignetem Umfeld. Selbst die innere Vorstellung von Aktivitäten im Außen, können die Einstellungen der Augen verändern.
Wer dies beachtet, findet mit etwas Übung heraus, dass sein dominantes Auge in der Ferne Objekte schneller fixiert und aktiver verfolgt. Das nicht-dominante Auge übernimmt in körperlicher Ruhe und Konzentration auf nahe Objekte die Führung.
Es ist eine dynamische Arbeitsteilung, die sich an den Aktivitätszustand des Körpers anpasst. Die Übergänge sind fließend und wahrscheinlich von verschiedenen Faktoren abhängig beispielsweise von bestimmten Gewohnheiten und Vorlieben bei der Nutzung der Hände. Das Zusammenspiel von Augen und Händen wird im Beitrag Auge-Hand-Koordination näher erläutert. So kann es auch sein, wenn die biologische Händigkeit oder Füßigkeit über längere Zeit nicht gelebt wird, sich ungünstige Augen-Muster einstellen, die sich bei einer Rückschulung auf angenehme Weise schnell verändern.
Äugigkeit und der Spiegel der Seele
Wenn die Augen wirklich der Spiegel der Seele sind, spiegeln sie dann auch die Dominanz eines Auges?
Die „Corona-Zeit“ hat die aktive Forschungsarbeit sehr beeinträchtigt. Es waren viele Kontakte nur noch über Videokonferenzen möglich, in denen nur der Kopf und oftmals nicht einmal irgend eine Form von Gestik erkennbar waren. Diese Zeit hat die Verfasserin dieses Artikels gelehrt, das dominante Auge im Gesicht abzulesen.
Ist ein Mensch in seiner Kraft, d. h. stimmen innere Überzeugungen und Vorhaben mit Wort und Tat überein, wird die biologische Dominanz sehr deutlich. Das Thema wird im Beitrag zum „Körperhaus-Meister“ näher ausgeführt.
Wie beeinflusst die „Seele“ die Ausbildung der Augen-Seitigkeit?
Wenn unser Körper eine kooperative Gemeinschaft vieler Zellen ist, die sich so organisieren, dass sie mit wenig Energieaufwand alle lebenswichtigen Prozesse sichern, dann ist die Ausbildung einer Äugigkeit unter bestimmten Umständen wichtig.
Wenn es eine Körperseite gibt, die auf aktive Prozesse in der äußeren Umgebung ausgerichtet ist wie zum Beispiel die Abwehr von Feinde, bei der eine Entscheidung über Flucht oder Angriff getroffen werden muss, dann macht es Sinn, das auch das Sehen auf die dynamische Bewegung optimiert ist. Das dominante Auge ist besser darin, bewegliche, ferne Objekte zu verfolgen. Während das nicht-dominante Auge das Scharf-Sehen im Nah-Bereich unter ruhigen und entspannten Bedingungen durch die Optimierung des Sehwinkels dominiert.
Der biologische Mechanismus im Auge, der diesen Prozess steuert, wird als Akkommodation bezeichnet. Der Begriff umfasst die dynamische Anpassung der Brechkraft des Auges beim Nah-Sehen. Dabei spielt der Ciliarmuskel und seine parasympathische Steuerung eine wichtige Rolle. Dieser in jedem Auge paarig angelegte, innere Augenmuskel verändert die Form der Linse und damit ihre Brechkraft. Die nicht-dominante Körperseite eignet sich besser für fein gesteuerte Halte-Aufgaben wie die Optimierung der Brechkraft des Auges. Ist der Sympathikus des Körpers stärker aktiv, entspannt sich der Muskel und die Augen stellen sich auf die Fern-Sicht ein, in der das dominante Auge führt. Damit kooperiert die Aufgabenverteilung der Augen mit der Balance-Seitigkeit.
Fazit zur Bestimmung der Äugigkeit:
Die Äugigkeit
erklärt sich,
wenn die angeborene
Balance-Seitigkeit
hinzugezogen wird.
Quellenangaben
- Moreno, M., Capdevila, L., & Losilla, J. M. (2022). Could hand-eye laterality profiles affect sport performance? A systematic review. PeerJ, 10, e14385. [PubMed]
- Ooi, T. L., & He, Z. J. (2020). Sensory eye dominance: Relationship between eye and brain. Eye and brain, 25-31. [PubMed]

