Auge-Hand-Koordination als Form der Sensomotorik

Auge-Hand-Koordination

Die Fähigkeit, unter visueller Kontrolle gezielte Arm-, Hand- und Fingerbewegungen auszuführen, wird als Visuomotorik oder als Auge-Hand-Koordination bezeichnet. Dabei findet ein Austausch von sensorischen und motorischen Signalen statt. Sowohl Augen als auch Hände übernehmen, wie im Bild zu sehen, ganz spezifische Aufgaben:

  • Die dominante rechte Hand hält den Stift und richtet ihn auf das Ziel aus, dass
  • die nicht-dominanten Hand so ruhig wie möglich hält.
  • Das nicht-dominante linke Auge fixiert in geringem Abstand die Stiftspitze und überwacht die feinmotorische Bewegung des Stiftes.
  • Das dominante rechte Auge schaut peripher auf die Haltehand, und steuert die Ausrichtung des kleinen Objektes zum Stift.
  • Die Aufmerksamkeit ist in diesem Moment auf die Stiftspitze ausgerichtet und wird durch den fixierenden Blick des linken Auges gehalten.
  • Sie wechselt sofort zur linken Hand, um das Objekt für einen weiteren Strich neu auszurichten.
  • Das dominante Auge behält das Ziel, ein nach eigenen Vorstellungen bemaltes Objekt, im Auge und überwacht den Prozess peripher. Es ist sofort bereit, bei einer Störung des Prozesse, die Aufmerksamkeit zu übernehmen, um sich im Raum zu orientieren.

Das koordinierte Zusammenspiel von Händigkeit und Äugigkeit

Das hier dargestellte Beispiel ist eine mit beiden Händen ausgeführte, bimanuelle Tätigkeit, bei der eine Aufgabenverteilung der Hände erfolgt. Eine Hand agiert aktiv und eine Hand hält das Objekt. Diese Rollenverteilung wird in der Forschung zur Händigkeit unter vier verschiedenen Blickwinkeln betrachtet.

Die Rollenverteilung:
  • richtet sich nach situativen Gegebenheiten. Zum Beispiel der Stift liegt rechts und das zu bemalende Objekt liegt links. Die Hände greifen nach dem, was direkt vor ihnen liegt. Allgemeine Motorik
  • erfolgt nach Vorgaben durch Abschauen und Nachmachen oder sogar durch eine geführte Anleitung, die sich durch Lob Dritter verstärkt: „Du nimmst das Objekt in die Hand, greifst den Stift und malst – Ja, prima!“ Handleistung
  • ist unbeeinflusst und variiert durch Ausprobieren und stellt sich nach und nach intuitiv und eher zufällig ein. Handgeschicklichkeit
  • entwickelt sich im Einklang mit der Balance-Seitigkeit. Bewegungsmuster sind frühzeitig lateralisiert und bauen aufeinander auf. Dabei folgen sie dem Präferenzgefühl von unilateralen hin zu bilateralen Bewegungen. Präferenz

Was steuert diesen Prozess und welcher Entwicklungsmechanismus überwiegt?

vor der Geburt:
  • Embryonalentwicklung: Ausbildung eines lateralisiertem Gleichgewichtssystems, hier Balance-Seitigkeit und in der Forschung Dominanz des vestibulären Systems genannt.
  • Die Kindslage in den letzten Wochen der Schwangerschaft fördert oder hemmt die Ausprägung der Balance-Seitigkeit. Eine Kindslage in Übereinstimmung mit der Balance-Seitigkeit fördert die frühe Lateralisierung und eine Kindslage entgegen der angeborenen Balance-Seitigkeit schwächt eine frühzeitige Lateralisierung ab.
  • Eine vorzeitige Geburt lässt diese „Trainingsphase“ aus. In der wissenschaftlichen Literatur gibt es viele Hinweise, dass vor der 38. Woche geborene Kinder durchschnittlich länger brauchen, um ihre Händigkeit auszubilden (Domellöf 2011).
nach der Geburt:
  • Über frühkindliche Reflexe kann die Ausprägung der Balance-Seitigkeit bereits beobachtet werden (Coryell 1985).
  • Viele Säuglinge weisen eine Vorliebe für die Ausrichtung ihres Kopfes auf.
  • Erste Greifbewegungen in Bauchlage sind oft lateralisiert. Mit zunehmender Rumpfkraft verliert sich die Lateralität wieder und kommt in anspruchsvolleren Bewegungsmustern zur Geltung.
  • Frühe Greifbewegungen entwickeln die Auge-Hand-Koordination.
  • Je nach Stärke der Ausprägung der Balance-Seitigkeit entwickelt sich der Ausprägungsgrad der Händigkeit.
  • Der Prozess kann durch ganz unterschiedliche Ereignisse wie z. B. Verletzungen gestört werden.

Wie steuert die Balance-Seitigkeit die Auge-Hand-Koordination?

Auge-Hand-Koordination als Form der Sensomotorik
Feine Fingerbewegungen unter visueller Kontrolle
Vorbereitende Bewegungen:

Zuerst entsteht der Plan, diese weiße Kugel zu bemalen. Das Kind legt sich das Objekt zurecht. Es ist egal welche Hand dies tut. Die Lage der Kugel bestimmt hauptsächlich die Bewegung. Anschließend suchen die Augen den Stift. Je nach Lage und ausgebildeter Handdominanz greift eine Hand und eine Hand zieht die Kappe des Stiftes ab. Das kann je nach Kooperationsmuster die dominante oder die nicht dominante Hand sein. Mit zunehmender Routine übernimmt diese Aufgabe die nicht dominante Hand – Kappe festhalten und ziehen. Der Stift liegt dann schon in der dominanten Hand. Bis hier hin hat die Balance-Seitigkeit wenig Einfluss. Dieser Bewegungsteil ist beidhändig ausführbar. Eine Hand zieht entweder die Kappe ab oder zieht den Stift heraus oder beides zugleich. Die nicht dominante Hand legt die Kappe zur Seite. Werden alle Teilschritte von der dominanten Hand ausgeführt, wechselt jetzt der Stift in die dominante Hand.

Ausführung des Vorhabens Bemalen des Objektes:

Die nicht dominante, linke Hand greift das Objekt, das linke Auge fixiert die Zielstelle auf der Kugel. Die gesamte linke Seite hat Halte-Aufgaben. Das Objekt und die Fixierung des Blicks auf die Zielstelle soll so ruhig wie möglich gehalten werden. Die rechte Hand ist beweglicher und führt den Stift zum Ziel hin und führt die malende Bewegung aus. Das rechte Auge verfolgt die Bewegung der malenden Hand peripher, somit großräumiger. Das linke Auge fixiert die Stiftspitze und verfolgt die Annäherung der Stiftspitze an den Zielpunkt. Für dies Feinabstimmung ist die Balance-Seitigkeit enorm wichtig. Sie erzeugt das Kohärenz-Gefühl, dass die Freude und den Wunsch auf Wiederholung fördert. Ohne Kohärenz-Gefühl ist es eine Bewegung, die keine Freude bereit und nur notwendigerweise freiwillig ausgeführt wird.

Fazit zur Auge-Hand-Koordination

Quellen-Angaben

  • Coryell, J. (1985). Infant rightward asymmetries predict right-handedness in childhood. Neuropsychologia23(2), 269-271. [PubMed]
  • Domellöf, E., Johansson, A. M., & Rönnqvist, L. (2011). Handedness in preterm born children: a systematic review and a meta-analysis. Neuropsychologia49(9), 2299-2310. [PubMed]