Als Drehseitigkeit des Körpers wird die Bevorzugung einer bestimmten Drehrichtung entlang der Körperlängsachse (Vertikalachse) oder der Tiefenachse (Horizontalachse) bezeichnet. Dieser Beitrag betrachtet die Lateralität von Drehungen um die Körperlängsache. Eine solche Drehbewegung kann
- über eine Bewegung der Augen und des Kopfes,
- über eine Hand-, Arm- oder Schulterbewegung oder
- über eine Fuß-, Bein- bzw. Hüftbewegung ausgelöst werden.
Der Schultergürtel ist der mittlere Impulsgeber für eine Drehbewegung. Von hier aus kann entweder eine Drehbewegung des Kopfes oder eine Drehbewegung der Rumpfes oder beides ausgelöst werden. Im Alltag und im Sport ist eine gute Koordination dieser drei Ebenen zwingend erforderlich und kommt in der Auge-Hand- bzw. Auge-Fuß-Koordination zum Ausdruck.
Die junge Skifahrerin im Titelbild blickt auf die nächsten Slalomstangen. Die Schultern folgen dem Blick und leitet die Slalom-Bewegung mit einer Drehung des Schultergürtels ein. Im richtigen Moment folgen Füße und Hüfte der Schulter. In diesem Beispiel folgt der Körper der Blickrichtung.
Im Beitrag Drehseitigkeit des Kopfes wird der Zusammenhang des Gleichgewichtssystems und der Kopfbewegung näher erläutert. Ein Mensch mit einer rechtsseitigen Dominanz der Balance-Seitigkeit dreht seine Kopf bei dynamischen Bewegungen bevorzugt nach rechts. Folgen Schultern und Hüfte entsteht daraus eine Körperdrehung nach rechts. Ein Ski-Anfänger, der das Kurvenfahren gerade erst lernt und seine Drehbewegung über den Blick bzw. den Kopf steuern möchte, fährt bevorzugt Rechtskurven. Bei einer linksseitigen Dominanz der Balance-Seitigkeit verhält es sich genau umgekehrt. Er bevorzugt Linkskurven.
Hier in diesem Beitrag soll es um Körperbewegungen gehen, in denen der Kopf dem Körper folgt. Diese Drehbewegung kommt im Alltag sowie im Sport viel häufiger vor, wenn der „Kopf“ mit anderen Dingen beschäftigt ist, der Körper die Grundbewegung gelernt hat und Bewegungs-Aufträge bereits unterbewusst an den Körper weitergeleitet werden. Der Körper führt eine bekannte Bewegung aus und in der Zwischenzeit „bearbeitet“ der Kopf andere Aufgaben.
Zum Beispiel bevorzugten vorwärtsfahrend 75% der Eis- und Rollschuhläufer Linksdrehungen (Oberbeck 1989). Warum ist das so? Sehen wir uns diese Drehbewegung genauer an.
Motorik der Drehseitigkeit des Körpers
Jede Drehbewegung im Stand benötigt ein Standbein, dass die Rotation in der Rotationsachse ausbalanciert und ein Spielbein, das die Rotation antreibt oder abbremst. Hierbei ist die Beinigkeit oder Füßigkeit entscheidend. Die Füßigkeit interagiert im Idealfall mit der Balance-Seitigkeit. Die Koordination dieser beiden Dominanzen bestimmen die Präferenz für eine Drehseite.
Vorwärtsdrehungen
Beim vorwärts Kurvenfahren mit Roll- oder Schlittschuhen ist das Gewicht auf das Bein verlagert, dass zum Kurvenmittelpunkt zeigt. Das äußere Bein wird somit beweglicher und kann entweder durch das Abdrücken mit dem Fuß zur Rotationsbeschleunigung beitragen oder Bremsbewegungen einleiten. Somit fahren Menschen mit einer rechtsseitigen Dominanz der Balance-Seitigkeit lieber Linkskurven und Menschen mit einer linksseitigen Dominanz der Balance-Seitigkeit lieber Rechtskurven.
Werden die Drehungen rückwärts ausgeführt, ändert sich die Drehrichtung. Ein Tänzer, Roll- oder Schlittschuhläufer mit rechtsseitiger Dominanz der Balance-Seitigkeit dreht auf dem linken Bein stehend nach rechts und mit linksseitiger Dominanz der Balance-Seitigkeit auf dem rechten Bein stehend nach links.
Rückwärtsdrehungen
Rückwärtsdrehungen stellen für Sicherung des Gleichgewichtes die größere Herausforderung dar, weil die Augen nach vorn gerichtet sind und wir nicht sehen, was hinter unserem Rücken geschieht. Für mehr Stabilität ist es nun biologisch sinnvoll Kopfdrehung und Körperdrehung zu koppeln. Die Präferenz für Rückwärtsdrehungen ist ein guter Indikator für die dominante Seite des vestibulären Systems – der Balance-Seitigkeit.
- Rechtsdrehung:
- Kopfdrehung nach rechts,
- aktives, rechtes Bein in der Drehbewegung außen
- Balance-Seitigkeit rechts
- Linksdrehung:
- Balance-Seitigkeit links,
- Kopfdrehung nach links,
- aktives, linkes Bein in der Drehbewegung außen
Wird die Füßigkeit nicht stimmig zur Balance-Seitigkeit gelebt und besteht eine starke Gewohnheit das biologische Standbein als beweglicheres Bein zu benutzen. Entweder werden Drehbewegung tendenziell vermieden oder die Drehseitigkeit kehrt sich um. Diese Menschen haben meist eine sehr gute dynamische Balance, aber Defizite bei der statischen Balance. Aus diesem Grund sind sie viel mehr in Bewegung, um diese Dysbalance auszugleichen.
In den Beiträgen „Der Körperhaus-Meister“ und „Motorische Seitigkeit“ werden die Folgen einer nicht gelebten Balance-Seitigkeit näher erläutert.
Wie lässt sich die eigene Körper-Drehseitigkeit noch herausfinden?
Bei welcher Drehseite fühlt es sich besser an und welche ist erfolgreicher?
Vorwärtsdrehungen:
- Vorwärtslaufen, sich dabei einmal drehen und vorwärts weiterlaufen.
- Entweder aus dem Stand, oder mit einem Auftaktschritt, mit beiden Beinen leicht nach vorn hochspringen, sich dabei so weit wie möglich drehen und mit beiden Beinen wieder landen. Wer schafft eine ganze Drehung?.
Rückwärtsdrehungen:
- Bei der Betrachtung eines größeren Bildes mit kleiner Schrift, auf den Text so lange zugehen, bis er erkennbar wird. Jetzt mit paralleler Beinstellung den Text in Ruhe lesen. Dann rückwärts umdrehen und an den Ausgangspunkt zurückkehren.
- So schnell wie möglich rückwärts laufen. Der Kopf bleibt dabei gerade. Dann umdrehen und vorwärts weiterlaufen.
Drehseitigkeit des Körpers im Alltag
Hier ein paar Beispiel aus dem Alltag. Es geht um ein ganz feines Gefühl, dass durch Gewohnheiten und soziale Regeln unterdrückt sein kann. Es wieder zu finden und es bewusster zu spüren, macht selbstbewusster und verschafft leichter Wohlbefinden.
Spaziergang um einen See im Park
Im Alltag gibt es immer wieder Situationen, in denen die Möglichkeit besteht, sich für eine Richtung bei einem „Rundgang“ zu entscheiden. Zum Beispiel in einem Park befindet sich ein überschaubarer kleiner See und ein Weg führt drumherum. Bei freier Wahl, welche Drehrichtung ist angenehmer? Hier zeigt sich das Präferenzgefühl für die Drehseitigkeit des Körpers. Wer mit einer rechtsseitige Dominanz der Balance-Seitigkeit geboren wurde, wendet sich nach rechts und bevorzugt die Linksdrehung. Wer mit einer linksseitigen Dominanz der Balance-Seitigkeit auf die Welt gekommen ist, wendet sich lieber nach links und bevorzugt die Rechtsdrehung.
Sand oder Kies in eine Schubkarre schaufeln
Ein anderes Beispiel ist die Drehseitigkeit des Körpers beim Schippen mit einer großen Schaufel. Folgendes Szenario: Ein Lieferant hat Sand- oder Kies- oder ähnliches abgekippt. Das Material soll mit einer Schubkarre an einen anderen Ort transportiert werden. Wie fühlt sich die Anordnung besser an? Die Schubkarre steht links, die Schaufel wird mit der rechten Hand am Stielende gegriffen, die linke Hand fasst weiter unten, das Material wird mit einer Linksdrehung in die Schubkarre eingefüllt.
Oder andersherum? Die Schubkarre steht rechts, die linke Hand greift die Schaufel am Stielende, die rechte Hand fasst weiter unten und das Material wird mit einer Rechtsdrehung des Körpers in die Schubkarre eingefüllt.
Wenn Füßigkeit und Händigkeit nicht übereinstimmen, kann es sein, dass sich kein Präferenzgefühl einstellt. Dann beide Seiten abwechselnd immer wieder ausprobieren! Was ist nur Gewohnheit und was fühlt sich wirklich gut an?
Zur Ruhe kommen – Die Einschlafseite
In den vorangegangenen beiden Beispielen ging es um aktive Betätigungen. Wenn wir zur Ruhe finden wollen, kehrt sich die dominante Drehseitigkeit um. Wir liegen auf dem Rücken im Bett und wollen einschlafen. Welche Seite ist angenehmer? Die Drehung auf die rechte Seite, wobei der rechte Arm und das rechte Bein in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt werden oder doch lieber auf die linkes Seite, bei der das linke Bein und der linke Arm fixiert werden. Ein Mensch mit einer rechtsseitigen Dominanz der Balance-Seitigkeit liegt zum Einschlafen in der Regel lieber auf der rechten Seiten und ein Mensch mit einer linksseitigen Dominanz der Balance-Seitigkeit liegt lieber auf der linken Seite
Drehseitigkeit des Körpers im Sport
Es gibt in fast allen Sportarten Drehbewegungen. Sie sollten im Training immer beidseitig trainiert werden, um muskuläre Dysbalance zu vermeiden, motorische Variabilität aufzubauen und um koordinative Fertigkeiten zu entwickeln.
Die größten Unterschiede in der Drehseitigkeit des Körpers zeigen sich beim Erlernen der Bewegung und unter Wettkampfbedingungen, bei der es um Bestleistungen geht. Es ist bei jeder neuen Sportart sinnvoll, seine angeborene Balance-Seitigkeit zu kennen. Jeder Übungsleiter sollte prüfen, ob er die angeborene Seitigkeit für seinen Schützling wirklich kennt.
Die Prinzipien der Lateralität sind in allen Sportarten gleich. Sportartspezifische Techniken lassen sich mit der Dominanz der Balance-Seitigkeit im Zusammenspiel mit Füßigkeit, Händigkeit und Äugigkeit sehr gut erklären.
Agilität und Drehseitigkeit im Profi-Fußball
Fußballer trainieren viele Jahre, um im Spiel zwei gleichwertige Füße nutzen zu können. Doch zeigen Studien, dass z. B. bei einer Weltmeisterschaft hauptsächlich der dominante Fuß zum Einsatz kommt, obwohl der nicht dominante Fuß annähernd gleichwertig ist (Carey 2001).
Agilität gilt als ein starker Hinweis auf eine erfolgreiche Karriere im Profi-Fußball. Eine Studie untersuchte, in wie weit spielerische Beweglichkeit messbar ist. Sie entwickelten eine Testsituation, bei der die Spieler aus dem parallelen beidbeinigen Stand so schnell wie möglich entsprechend eines Lichtsignals entweder eine Links- oder Rechtsdrehung ausführten und fünf Meter zurückliefen. Ein mittiges Licht, war das Signal dafür, die Drehung nach eigener Vorliebe auszuführen.
Das Ergebnis dieser Studie (Zouhal 2018) zeigte, dass die Dominanz der Drehseitigkeit mit der Füßigkeit korrelierte: Rechtsfüßer drehen sich schneller nach links und Linksfüßer drehen sich schneller nach rechts.
Fazit zur Drehseitigkeit des Körpers
Die Drehseitigkeit des Körpers erklärt sich, wenn zur Händigkeit und Füßigkeit die Balance-Seitigkeit hinzugezogen wird.
Quellenangabe
- Titelbild: iStock
- Carey, D. P., Smith, G., Smith, D. T., Shepherd, J. W., Skriver, J., Ord, L., & Rutland, A. (2001). Footedness in world soccer: an analysis of France’98. Journal of sports sciences, 19(11), 855-864. [Google Scholar]
- Oberbeck, H. (1989) Seitigkeitsphänomene und Seitigkeitstypologie im Sport. Bundesinstitut für Sportwissenschaft, Band 68, S. 42-47, Karl Hofmann.
- Zouhal, H., Abderrahman, A. B., Dupont, G., Truptin, P., Le Bris, R., Le Postec, E., … & Bideau, B. (2018). Laterality influences agility performance in elite soccer players. Frontiers in physiology, 9, 807. [PubMed]

