Die Präferenz den Kopf auf eine Seite zu drehen wird Drehseitigkeit des Kopfes oder englisch – head turning – genannt. Sie gilt als erste motorische Dominanz des Menschen. Sie gibt bereits in den ersten Monaten einen gut belegten Hinweis auf die biologische, d.h. angeborene Händigkeit des Kindes (Coryell 1978, Michel 1981).
Fragt man Mütter, die ihre Kinder in Tragtüchern aufrecht vorm Bauch tragen, stellt man sehr schnell fest, dass sie sehr genau wissen, welche Seite das Kind bevorzugt.

Beugt sich die tragende Person nach vorn und ist der Kopf in den ersten Monaten durch das Tuch geschützt, ist es durch die Schwerkraft für den Säugling leichter, seine bevorzugte Kopfhaltung einzunehmen. Es ist bei gesunden Kindern ein guter Hinweis auf die biologische, d.h. angeborene Präferenz für eine Körperseite.
Studien zur Drehseitigkeit des Kopfes bei Neugeborenen
Seit 1965 gibt es mehrere Studien, die den Zusammenhang zwischen der bevorzugten Kopfhaltung bei Neugeborenen und der späteren Händigkeit untersuchten. Da Neugeborene ihren Kopf allein noch nicht halten können, ist nur die Rückenlage aussagekräftig (Michel 1979). Die Kopfdrehung in der Bauchlage ist in den ersten Tagen davon abhängig, wie das Kind hingelegt wird und wie der Schwerpunkt des Kopfes dabei ausgerichtet ist.

Drehten Neugeborene in Rückenlage ihren Kopf bevorzugt nach rechts, bestand eine sehr hohe Korrelation zu späterer Rechtshändigkeit. Kinder, die als Neugeborene ihren Kopf überwiegend nach links drehten, wurden zu einem viel geringeren Prozentsatz linkshändig (Coryell 1978, Michel 1981). Da wir in einer rechtshändigen Welt leben, besteht für diese Kinder eine größere Gefahr für unbewusste Umschulungen der Händigkeit. Der irreführende Glaube, die Händigkeit eines Kindes ist in bestimmten Genen codiert und wird sich auf Grund dessen von allein einstellen, konnte bis heute nicht bewiesen werden.
Ein sehr eindrücklicher Beweis dafür sind Studien zur Händigkeit von homozygoten Zwillingen. Bei ihnen kommt Linkshändigkeit in gleicher Häufigkeit vor, wie bei einzeln geborenen Kindern. Der größte Teil linkshändiger Zwillinge kommt in Zwillingspaaren vor, bei denen ein Zwilling rechtshändig und der andere linkshändig aufwächst (McManus 1992). Die Präferenz für die Drehung des Kopfes bei einem Zwillingspaar, wie im obigen Bild zu sehen, gibt einen guten Hinweis auf die Kombination der Seitigkeit des Paares – entweder R-R, R-L oder L-L.
Trägt man die Ergebnisse dieser Haltungs-Studien zusammen ergibt sich eine Gesamt-Drehseitigkeit von ca. 70% für die rechte Seite, 24% für die linke Seite und 6% für eine fehlende Präferenz für eine bestimmte Seite. Dies ist ein bestätigender Hinweis für die Hypothesen von Wissenschaftlern, die die Händigkeit als ein Ergebnis eines lateralisiertem vestibulären Systems betrachten (Previc 1991, Dieterich 2003).
Zusammenhang der Drehseitigkeit des Kopfes mit der Balance-Seitigkeit
Mit ca. einem Monat bildet sich die Fechterstellung spontan aus. Sie beruht auf dem asymmetrischen tonischen Nackenreflex (ATNR), der bei Neugeborenen nur durch passive Kopfdrehung ausgelöst werden kann. Die Fechterstellung ist zuerst häufiger auf der präferierten Seite des Kopfes zu sehen. Mit der Kopfdrehung wird der Arm und das Bein auf der Seite des Kopfes gestreckt und auf der Gegenseite angewinkelt. Diese Haltung begünstigt am Anfang die Ausbildung der Auge-Hand-Koordination entsprechend der dominanten Seite. Zwischen dem dritten und sechsten Lebensmonat verliert sich der frühkindliche Reflex zuerst auf der dominanten Seite (Liederman 1981). Das Kind lernt, durch die häufigere Nutzung, auf der dominante Seite schneller, willkürliche Bewegungen zu steuern. Auf der nicht dominanten Seite bleibt der Reflex länger erhalten und hilft dem Kind, das Drehen von der Rückenlage in die Bauchlage zu erlernen, in dem es das Bein der dominanten Seite auf die nicht dominante Seite dreht und der biologisch dominante Arm mit dem Kopf folgt.

Diese oben beschrieben Bewegung stellt die motorische Präferenz für die Drehseitigkeit des Körpers dar: biologische Rechtshänder drehen ihren Körper bevorzugt nach links und biologische Linkshänder nach rechts. Dies wird im Beitrag Drehseitigkeit des Körpers näher erläutert.
Wie hängt die Kopfdrehung mit der Steuerung des Gleichgewichtes zusammen?
Das lateralisierte vestibuläres System im Innenohr und im zentralen Nervensystem ermöglicht eine schnellere Verarbeitung von Signalen auf der dominanten Seite (Dieterich 2003). Das erklärt, dass Drehungen des Kopfes zur dominanten Seite anfänglich leichter zu steuern sind.
Die Kopfdrehung wird von drei Muskelgruppen ausgeführt:
- Die kurzen Nackenmuskeln (Musculi suboccipitales) verbinden den Schädel mit den ersten beiden Halswirbeln und sind für die Feinmotorik des Kopfes zuständig. Sie beginnen die Kopfdrehung.
- Große Kopfbewegungen werden über längere Nackenmuskeln wie den Riemenmuskel (M. splenius) und
- über die vordere Halsmuskulatur umgesetzt. Die wichtigsten Muskeln sind der Kopfwender (M. sternocleidomastoideus) und der vordere Treppenmuskel (M. scalenus).
Alle einseitig genutzten Nackenmuskeln drehen den Kopf zur gleichen Seite. Währenddessen alle vorderen Halsmuskeln bei einseitiger Anspannung den Kopf zur Gegenseite drehen. Das bedeutet für die Fechterstellung im obigen Bild, dass die aktive Kopfbewegung zur rechten Seite mit den rechten kurzen Nackenmuskeln beginnt und vom rechten Riemenmuskel unterstützt wird. Mit der Ablage des Kopfes auf der Unterlage entspannen sie etwas. Der Kopf wird vom linken Kopfwender und den linken Treppenmuskeln in dieser Position gehalten.
Wie man im Bild auch schön sieht, interagiert die Kopfbewegung mit einer Augenbewegung nach rechts. Somit sind Kopfbewegungen an der Auge-Hand-Koordination bzw. Auge-Fuß-Koordination beteiligt. Sie sollten harmonisch zusammenarbeiten. Unstimmigkeiten können zu Problemen im Nackenbereich beitragen.
Wie wirkt sich die Präferenz für die Drehung des Kopfes im Alltag aus?
Gehen oder sitzen wir und werden mittig von hinten z.B. gerufen und es gibt keine zwingenden räumlichen Gründe für eine bestimmte Blickrichtung, wird unsere präferierte Seite für einen Blick nach hinten, wie in diesem Bild zu sehen, deutlich.

Eine Körperdrehung, die über die Augen und den Kopf ausgelöst wird, gelingt leichter, wenn sich der linke Arm, wie hier im Bild zu sehen, streckt und das Körpergewicht auf das leicht zurückgesetzte linke Bein verlagert wird. Gleichzeitig folgt der leicht angewinkelte rechte Arm und ein Schritt mit dem rechten Bein. Ist das nicht ein gut integrierter asymmetrischer tonischer Nackenreflex (ATNR)?
Studien zur Drehseitigkeit des Kopfes beim Küssen
In vielen südlichen europäischen Ländern ist es üblich, sich mit Wangenküssen zu begrüßen bzw. zu verabschieden. Dabei muss der Kopf zu einer Seite gedreht werden. Eine Studie aus Frankreich fand heraus, dass die Startseite regional geprägt ist (Chapelain 2015). Hier zeigt sich ganz deutlich das Zusammenspiel von angeborener biologischer Präferenz und erlernter, sozialer Gewohnheit. Sie kann für den Einzelnen stimmig oder nicht stimmig sein, aber mit zunehmender Routine, als gewohnt empfunden werden – Ganz genauso verhält es sich mit der Ausbildung der Händigkeit, Füßigkeit und Äugigkeit.

Eine Studie aus Bangladesch (Karim 2017) untersuchte die Kopfneigung beim Küssen in 48 heterosexuellen Paarbeziehungen und unterschied dabei die Präferenz des Kuss-Gebers und die Kopfhaltung des Kuss-Empfängers. Es zeigte sich, dass der Kuss-Empfänger sich eher an den Kuss-Geber anpasst, während der Kuss-Geber seine biologische, angeborene Präferenz beim Küssen wahrnimmt. Die dabei gewonnenen Daten zur Drehseitigkeit des Kopfes von 73% nach rechts und 27% nach links korrelieren sehr gut mit den Daten aus den Studien zur Drehseitigkeit des Kopfes bei Neugeborenen und der Balance-Seitigkeit.
Fazit zur Präferenz bei Kopfdrehungen
Die Drehseitigkeit des Kopfes erklärt sich, wenn die Balance-Seitigkeit hinzugezogen wird.
Quellenangabe
- Bilder: iStock
- Chapelain, A., Pimbert, P., Aube, L., Perrocheau, O., Debunne, G., Bellido, A., & Blois-Heulin, C. (2015). Can population-level laterality stem from social pressures? Evidence from cheek kissing in humans. PloS one, 10(8), e0124477. [PubMed]
- Coryell, J. F., & Michel, G. F. (1978). How supine postural preferences of infants can contribute toward the development of handedness. Infant Behavior and Development, 1, 245-257. [Google Scholar]
- Dieterich, M., Bense, S., Lutz, S., Drzezga, A., Stephan, T., Bartenstein, P., & Brandt, T. (2003). Dominance for vestibular cortical function in the non-dominant hemisphere. Cerebral cortex, 13(9), 994-1007. [PubMed]
- Karim, A. R., Proulx, M. J., de Sousa, A. A., Karmaker, C., Rahman, A., Karim, F., & Nigar, N. (2017). The right way to kiss: Directionality bias in head-turning during kissing. Scientific Reports, 7(1), 5398. [PubMed]
- Liederman, J., & Coryell, J. (1981). Right‐hand preference facilitated by rightward turning biases during infancy. Developmental Psychobiology: The Journal of the International Society for Developmental Psychobiology, 14(5), 439-450. [PubMed]
- McManus, I. C., & Bryden, M. P. (1992). The genetics of handedness, cerebral dominance, and lateralization. In I. Rapin & S. J. Segalowitz (Eds.), Handbook of neuropsychology, Vol. 6, pp. 115–144). Elsevier Science. [ResearchGate]
- Michel, G. F., & Goodwin, R. (1979). Intrauterine birth position predicts newborn supine head position preferences. Infant behavior and Development, 2, 29-38. [Google Scholar]
- Michel, G. F. (1981). Right-handedness: a consequence of infant supine head-orientation preference?. Science, 212(4495), 685-687. [PubMed]
- Previc, F. H. (1991). A general theory concerning the prenatal origins of cerebral lateralization in humans. Psychological review, 98(3), 299. [PubMed]

