im Einklang mit der Händigkeit, der Füßigkeit und der Balance-Seitigkeit
Entwicklung von Gleichgewichtsfähigkeiten bedeutet die Ausbildung von komplexen koordinativen Fertigkeiten. Das heißt ein Mensch besitzt die körperliche Fähigkeit, eine innere Einstellung über eine längere Zeit zu halten oder sie nach einer körperlichen, geistigen, emotionalen, mentalen oder altersbedingten Veränderungen wiederzuerlangen. Im übertragenen Sinne bedeutet es auch, sich aufrecht — zu seiner inneren Wahrheit stehend – in einem angemessenen Rahmen zu behaupten. Es geht um psychische Gesundheit und innere Balance.
Die koordinativen Operationen zielen auf das Ausbalancieren der verschiedenen Seitigkeiten des menschlichen Körpers. Das angestrebte Ziel ist ein gutes Lebensgefühl und körperliches Wohlbefinden.
Vier große Bereiche spielen eine entscheidende Rolle:
- Die egozentrische Motorik im Zusammenspiel mit dem Gleichgewichtssystem (vestibuläres System) und dem muskulären Halteapparat (extrapyramidalmotorischen System);
- die als Kognition bezeichneten informationsverarbeitenden Prozesse wie zum Beispiel: Wahrnehmen, Aufmerksamkeit, Erinnern oder Lernen sowie Denken und Selbstreflexion;
- die Emotionen oder Affekte, die über das limbischen System gesteuert werden und
- die Mentalität als individuelle Einstellungen, Überzeugungen, Wertevorstellungen und Verhaltensmuster eines Menschen.
Wie wirkt die Balance-Seitigkeit auf das motorische Gleichgewichtssystem?
Händigkeit und Füßigkeit beziehen sich auf die Bevorzugung einer Hand oder eines Fußes für bestimmte Bewegungen wie Schreiben oder einen Ball kicken. Die Balance-Seitigkeit beschreibt die Dominanz einer Seite für motorische Aufgaben, bei denen das Gleichgewicht eine Rolle spielt. Im Körper entsteht ein Präferenzgefühl. Während eine Hand oder ein Fuß die willkürliche Bewegung ausführen, unterstützt die andere Körperseite diese Bewegung so, dass die Körperhaltung stabil bleibt.
Das Gleichgewichtssystem (vestibuläre System) ist mit den Gehirnbereichen für emotionale, kognitive und mentale Prozesse über den Hirnstamm, das limbische System und den Neokortex verbunden. Dysbalancen im Gleichgewichtsystem führen zu fehlender Stimmigkeit innerhalb der einzelnen Systeme und Kohärenzgefühle stellen sich seltener ein.
Wer seine Händigkeit und/oder Füßigkeit nicht im Einklang mit der angeborenen Balance-Seitigkeit lebt, aktiviert sein Gleichgewichtssystem stärker. Der Körper benötigt mehr Aufmerksamkeit und Energie für die Steuerung von motorischen Prozessen. Sie fehlt dann, wenn emotionale, kognitive und mentale Herausforderungen hinzukommen.
Das komplexe Zusammenspiel und seine Entwicklung werden nun an Hand der Szene auf dem Titelbild näher erläutert: Laufradfahren im Park.
Entwicklung von motorischen Gleichgewichtsfähigkeiten
Laufräder entwickeln Gleichgewichtsfähigkeiten und schulen über Lenkbewegungen die Auge-Hand-Koordination. Das Kind sollte bereits sicher laufen können, genügend Haltekraft und Freude an einer schnelleren Bewegung mitbringen. Ganz wichtig – Es bedarf einer grundlegende Sicherheit, auf der jede weitere Bewegungserfahrung basiert.
Erste Fahrversuche sollten auf einem großen, ebenen Platz ohne Hindernisse erfolgen. Laufende Beinbewegungen erzeugen eine Rollbewegung, bei der das Laufrad schon Mal kippen kann. Beinkraft und feste Schuhe unterstützen einen sicheren Halt, auch bei den ersten Bremsbewegungen.
Der Junge fühlt sich auf seinem Laufrad sicher. Das motorische System erforscht spielerisch die sitzende Laufbewegung. Die neue Bewegungsaufgabe gelingt mit der Zeit immer besser. Die Füßigkeit spielt jetzt keine Rolle. Beide Beine gleichen sich an und sichern zusammen das Gleichgewicht bei Roll- und Bremsbewegungen.
Die Anforderungen an die Balance-Seitigkeit reduziert sich für das dominante Bein und erhöhen sich für die nicht dominanten Seite. Das führt zu einer aktiven Entspannung des Körpers. Die Dominanz der Balance-Seitigkeit besteht fort. Sie drückt sich in der Ausführung von Lenkbewegungen aus:
Welche Hand lenkt lieber und zu welcher Seite gelingt das Lenken leichter?
Das Gleichgewichtssystem ist bei Rechtshändern in der rechten Hirnhälfte aktiver als in der linken (Dieterich 2003) – Und umgekehrt bei Linkshändern. Damit verteilt das Gehirn die zu steuernden Aufgaben auf beide Hirnhälften:
- Die willkürliche Bewegung des rechten Beines wird von der linken Hirnhälfte gesteuert.
- Das Gleichgewicht wird für das rechte Bein in der rechten Hirnhälfte gesteuert. Das extrapyramidalmotorische System optimiert hauptsächlich ausgleichende Bewegungen des Oberschenkels
- Für das linke Bein ist es genau umgekehrt.
Fazit: Laufradfahren trainiert beide Seiten genau wie Schwimmen, Laufen oder Fahrradfahren. Muskuläre Dysbalancen gleichen sich aus und Wohlbefinden entsteht mehr oder weniger unabhängig von der Ausprägung der Seitigkeit von Händen und Füßen.
Entwicklung von emotionalen Gleichgewichtsfähigkeiten
Gelingt es dem Kind, wie im Bild zu sehen, die Beine anzuheben und, ohne zu kippen, zu rollen, entsteht bei den meisten Kindern ein Gefühl von Freude. Nimmt die Fahrgeschwindigkeit zu und werden Lenkbewegungen nötig, könnte es wackliger werden. Gleichgewichtsänderungen können die Stimmung und das Wohlbefinden beeinflussen.
Das vestibuläre System, das aus Strukturen im Innenohr und im Hirnstamm besteht, ist eng mit dem limbischen System verschaltet. Das limbische System steuert die Ausbildung von emotionalen Reaktionen. Emotionen beziehen sich auf einen erregten Zustand, der intensive Gefühle, autonome Aktivierung und damit verbundene Verhaltensänderungen beinhaltet. Sie begleiten unsere bewussten Erfahrungen (Rajagopalan 2017).
Der Junge im Bild erlebt beim Laufradfahren sowohl eine motorische als auch eine emotionale Anregung des Gleichgewichtssystems. Er hat nun die Aufgabe, beide Aufgabenbereiche im Gleichgewicht zu halten. Mit einem erhöhten Lauftempo könnten sich Schwierigkeiten beim Lenken und Bremsen einstellen. Dies könnte zu unerwarteten Fahrerlebnissen führen, die eine ganz unterschiedliche Bandbreite von Gefühlen und Emotionen auslösen könnten. Unebene Untergründe verändern die einzusetzende Kraft. So kann das Rad bergauf schon mal zurückrollen und bergab wird es von ganz allein viel schneller. Damit trainiert Laufradfahren auch die emotionale Gleichgewichtsfähigkeit.
Entwicklung von kognitiven Gleichgewichtsfähigkeiten
Angenommen das Kind fährt mit seinem Laufrad auf sehr belebten Wegen, oder kommt mit dem Straßenverkehr in Berührung, dann benötigt es zusätzlich mehr kognitive Fähigkeiten, um eine Situation richtig einzuschätzen und angemessen zu handeln.
Auch die kognitiven Fähigkeiten sind eng mit dem Gleichgewichtssystem verbunden. Neuere Forschungen haben einen Zusammenhang zwischen vestibulären Informationen und kognitiven Funktionen wie räumlicher Orientierung, exekutiver Funktionen, dem Arbeitsgedächtnis und der Aufmerksamkeit nachgewiesen (Guo 2024). Die Informationen, die das vestibuläre System an das limbische System und den Neokortex liefert, sind entscheidend für kognitive Prozesse höherer Ordnung.
Je ausbalancierter der Junge fährt, um so mehr Arbeitsspeicher steht für die Lösung von kognitiven Aufgaben zur Verfügung. Mit dem Laufradfahren entwickeln sich neben motorischen und emotionalen Gleichgewichtsfähigkeiten auch kognitive Fähigkeiten, die in vielen Momenten situativ koordiniert werden. Mit der Zeit entwickeln sich daraus kognitive Gleichgewichtsfähigkeiten.
Entwicklung von mentalen Gleichgewichtsfähigkeiten
Signale aus dem ganzen Körper werden vom autonomen Nervensystem und dem Hirnstamm erfasst und können emotionale Prozesse modulieren. Die Stimmigkeit von Herzaktivität und Atmung (kardiorespiratorische Kohärenz) unter bestimmten emotionalen Zuständen reguliert die Dominanz von Sympathikus oder Parasympathikus (Ravinder 2015).
Auf dieser Ebene wirkt sich eine nicht gelebte Seitigkeit besonders stark aus. Die Arbeitsteilung von dominanten und nicht dominanten Systemen ist nicht ausbalanciert oder nicht gut koordiniert. Es entstehen viel leichter Stress und negative Emotionen. Sinkt das Niveau der kardiorespiratorische Kohärenz, so kommt es zu einer Verschiebung in Richtung sympathischer Dominanz. Bei positiven Emotionen steigt die kardiorespiratorische Kohärenz und es kommt zu einer Verschiebung in Richtung parasympathischer Dominanz. Langfristig hat eine solche Dysbalance Folgen für die psychische Gesundheit, ganz besonders in stressreichen Lebensphasen.
Damit tragen zyklische Bewegungen in entspannter Umgebung, wie Laufradfahren im Park, zur Entwicklung von mentalen Gleichgewichtsfähigkeiten bei. Eventuelle Dysbalancen können durch die gleichmäßige Nutzung beider Seiten ausgeglichen werden.
Entwicklung von Wohlbefinden
Die Kunst der Resilienz und das Konzept der Salutogenese gelingen erheblich leichter, wenn die Balance-Seitigkeit mit der Händigkeit und Füßigkeit harmonieren. Das harmonische Zusammenspiel der motorischen und vestibulären Seitigkeit ist die Basis für gute Gleichgewichtsfähigkeiten bei der Steuerung von emotionalen, kognitiven und mentalen Prozessen. Der gesamte Körperzustand befindet sich im „grünen Bereich“ und einer „Freundschaft mit dem Körperhaus-Meister“ steht nichts im Wege.
Ist dies nicht der Fall, können verschiedenste äußere Umstände das Kind viel schneller aus seiner motorischen, emotionalen, kognitiven und mentalen Balance bringen… und „Laufradfahren kann schon mal liegend in einer Pfütze enden“.
Fazit zur Entwicklung von Gleichgewichtsfähigkeiten
Gleichgewichtsfähigkeiten entwickeln sich leichter, wenn die Balance-Seitigkeit mit der Händigkeit und Füßigkeit harmonieren.
Quellenangaben
- Bild: AdobeStock
- Dieterich, M., Bense, S., Lutz, S., Drzezga, A., Stephan, T., Bartenstein, P., & Brandt, T. (2003). Dominance for vestibular cortical function in the non-dominant hemisphere. Cerebral cortex, 13(9), 994-1007. [PubMed]
- Guo, J., Wang, J., Liang, P., Tian, E., Liu, D., Guo, Z., … & Zhang, S. (2024). Vestibular dysfunction leads to cognitive impairments: State of knowledge in the field and clinical perspectives. International Journal of Molecular Medicine, 53(4), 36. [PubMed]
- Rajagopalan, A., Jinu, K. V., Sailesh, K. S., Mishra, S., Reddy, U. K., & Mukkadan, J. K. (2017). Understanding the links between vestibular and limbic systems regulating emotions. Journal of natural science, biology, and medicine, 8(1), 11. [PubMed]
- Ravinder, J., & Crawford, M. W. (2015). How Does the Body Affect the Mind? Role of Cardiorespiratory Coherence in the Spectrum of Emotions. [Google Scholar]

