Als Gleichgewichtsfähigkeit wird die Fähigkeit bezeichnet, seinen gesamten Körper in Balance bzw. in einem Gleichgewichtszustand zu halten oder nach einer körperlichen Veränderung den Zustand so schnell wie möglich wiederherzustellen (Witte 2018).
Viele dieser ausgleichenden Bewegungen laufen im Alltag unbewusst ab. Die Konzentration liegt in der Regel auf einer bewussten Zielbewegung, während die Ausgleichbewegungen oftmals unterhalb der Wahrnehmungsschwelle bleiben. Trotzdem bedürfen sie eines gewissen Maßes an konditionellen Fähigkeiten wie Kraft, Beweglichkeit, Schnelligkeit und Ausdauer. Die momentane Gleichgewichtsfähigkeit ist dabei nicht nur von körperlicher, sondern auch von emotionaler und geistiger Fitness abhängig. Ist diese Bootsfahrt ein übermütiges Abendteuer oder eine Trainingsform für einen erfahrenen Leistungssportler? Auf jeden Fall wird hier eine komplexe, koordinierte Steuerung benötigt. Aus diesem Grund wird die Fähigkeit, bei unterschiedlichen Bewegungen das Gleichgewicht zu halten, auch den koordinativen Fertigkeiten zugeordnet.
Gleichgewichtsfertigkeiten
Eine Fähigkeit beruht auf vorhandenen Grundlagen. Eine Fertigkeit wird durch Übung und Training erworben und kann bei fehlender Übung oder Verletzung wieder verloren gehen.
Die biologischen Grundlagen für die Fähigkeit die Balance oder das Gleichgewicht zu halten sind das zentrale vestibuläre System im Gehirn, das periphere Gleichgewichtssystem in beiden Ohren, deren Verschaltung mit den Augen als visuelles System und dem sensorischen System der Muskulatur mit seiner Steuerung über das Kleinhirn.
Auch wenn mit der Geburt alle Systeme angelegt und bereit sind, bedürfen sie eine allmählich lernende, koordinierte Nutzung über eine reflektorische Steuerung. Mit ihr bilden sich nach und nach Fertigkeiten heraus, die nach dem sogenanntem Überlernen zu unbewusst nutzbaren Fähigkeiten werden, die sich mit geeigneten Testmethoden messen lassen (Witte 2018).
Gedanken und Fragen zum obigen Bild
- Welche Entwicklungsschritte ausgehend von einem Säugling/Kleinkind sind notwendig, um ein Boot, wie oben im Bild zu sehen, zu steuern?
- Welche Fertigkeiten müssen erworben werden, um in dieser Haltung in einem so schmalen Boot, in einem fließenden Gewässer das Gleichgewicht zu halten?
- Welchen Einfluss hat dabei die Ausbildung einer dominanten Körperseite?
- Wie stabilisiert die Händigkeit bzw. die Balance-Seitigkeit die Gleichgewichtsfähigkeit?
- Wie beeinflussen die unterschiedlichen Formen der Gleichgewichtsfertigkeiten die Psyche und das Verhalten eines Menschen?
Entwicklung der Gleichgewichtsfähigkeit:
Reflexe – Grobmotorik – Feinmotorik
Im ersten Lebensjahr steuern angeborene Reflexe die ersten Bewegungen. Nach und nach entwickeln sich grobmotorische Bewegungsmuster. Sind die notwendige Gleichgewichtsfähigkeiten vorhanden, d. h. besteht die notwendige Haltekraft, gepaart mit koordinierter Beweglichkeit entsteht immer mehr Kapazität für feinmotorische Entwicklungsschritte.
Vom Liegen über das Krabbeln zum Stehen und Laufen

Die Entwicklung beginnt mit der Gleichgewichtsfähigkeit für das Halten des Kopfes in Bauch und Rückenlage. Anschließend kommen Rollbewegungen hinzu, bei denen das Kind lernt, Rumpfbewegungen und Kopf auszubalancieren. Nach Kriech- und Krabbelbewegungen ist der Rumpf kräftig genug, um Kopf und Oberkörper sitzend im Gleichgewicht zu halten. Dann dauert es nicht mehr lange, bis das Kind seine ersten Versuche startet, in den Stand zu kommen, indem es sich an Gegenständen hochzieht und erste Schritte vollbringt. Dabei wird nach und nach immer weniger Stützfläche benötigt.
Eine enorme Leistung:
Die Entwicklung der notwendigen Gleichgewichtsfähigkeiten für den freihändigen Stand auf den eigenen zwei Beine!
Insgesamt betrachte ist es ein Lernprozess, der sich bei allen weiteren Tätigkeiten wie z.B. Laufen und Springen bzw. Roller- oder Fahrradfahren wiederholt:
- Entwicklung der Basis-Fähigkeiten wie ausreichende Kraft und Beweglichkeit
- Entwicklung der Koordination des Gleichgewichtes im Zusammenspiel mit ersten grobmotorischen Teilbewegungen
- Mit immer weiter steigender körperlicher Sicherheit erfolgt die Integration variabler grob- und feinmotorischer Bewegungselementen in die Gesamtbewegung.
- Die motorischen Fähigkeiten sind so gut ausgebildet, dass genügend freie Kapazität vorhanden ist, um die Aufmerksamkeit auf kognitive und emotionale Prozesse zu richten.
Einfluss der Balance-Seitigkeit auf die Entwicklung der Gleichgewichtsfähigkeit
Jeder Entwicklungsschritt erfolgt normalerweise im Einklang mit der angeborenen Balance-Seitigkeit:
- Fast jedes Kind bevorzugt in den ersten Monaten eine Seite für die Kopfdrehung. Dies ist ein erster Hinweis auf die dominante Seite.
- Auf dieser bevorzugten Seite verliert sich der Asymmetrische tonische Nackenreflex (Fechterstellung) in der Regel schnell (Liederman 1981).
- Erste Greifbewegungen im Unterarmstütz oder aus dem Kriechen/Robben oder Krabbeln werden bevorzugt mit der dominanten Hand ausgeführt. Je mehr Kraft und Geschicklichkeit das Kind erlangt, um so variabler nutzt es dann beide Hände und das lateralisierte Muster verliert sich, um sich beim nächsten Entwicklungsschritt erneut zu zeigen.
- Ist eine Bewegung so neu, dass sie noch ungeschickt und wacklig ausgeführt wird, beginnt die nicht dominante Seite. Sobald die erste Unsicherheit überwunden ist, startet die Bewegung mit der dominante Seite – der dominante Arm beim Robben und Krabbeln geht voran oder das dominante Bein beim Aufrichten und Laufen setzt den ersten Schritt.
- Auf diese Weise entwickelt sich die Gleichgewichtsfähigkeit im Einklang mit der Balance-Seitigkeit und erzeugt ein Präferenzgefühl für die Ausbildung von Füßigkeit und Händigkeit im Zusammenspiel mit der Äugigkeit (siehe die Beiträge Auge-Fuß-Koordination und Auge-Hand-Koordination).
Formen der Gleichgewichtsfähigkeit
Es werden vier verschiedene Formen der Gleichgewichtsfähigkeit unterschieden: statisches, dynamisches, objektbezogenes und situatives Gleichgewicht.
Was bedeutet das für die Situation in einem so schmalen Boot?

Wird eine Körperhaltung über einen längeren Zeitraum gehalten, wie der Kniestand in diesem Boot, dann ist es eine statische Gleichgewichtsfähigkeit. Nutzt der Wassersportler seine rechte Hand für einen aktiven Paddelschlag, dann kommt die dynamische Balance zur Geltung. Achtet der Kanute auf eventuell im Flusslauf vorkommende Stromschnellen oder Hindernisse wie herabhängende Äste oder Steinblöcke wird die situative Gleichgewichtsfähigkeit mit einer Beanspruchung von zusätzlichen kognitiven Fähigkeiten herausgefordert. Und letztendlich ist die Steuerung des Kanus mit einem Stechpaddel eine objektbezogene Gleichgewichtsfähigkeit.
Das Bild zeigt die Fahrweise eines Rechtshänders. Die dominante rechte Hand agiert im Einklang mit der rechtsseitigen Dominanz für die Balance-Seitigkeit. Sie ist in Bezug auf die Gleichgewichtsfähigkeit variabler einsetzbar, wenn die Bewegung im Einklang mit der Balance-Seitigkeit ausgeführt wird. Das bedeutet, sie kann sich in der Regel weiter vom Körperschwerpunkt entfernen als die linke Haltehand (siehe Beitragsbild) und ist geschickter darin, trotzdem das Gleichgewicht zu halten. Das dominante rechte Bein kniet im Boot und unterstützt die Steuerung über die Ausrichtung des Unterschenkels. Das linke Bein und die Hüfte balancieren den Körperschwerpunkt entsprechend der Paddelbewegung. Die linke Hand hält das Paddel und unterstützt die ausgleichende Massenbewegung.
Die koordinierte Arbeitsteilung von dynamisch, aktiven Handlungen, entsprechend der gegebenen Erfordernissen während der Flussfahrt, und ausgleichenden, das Gleichgewicht haltenden Bewegungen, lassen Freude und Wohlbefinden entstehen. Die beiden Pole vestibuläre Sicherheit und aktiv-dynamische Selbstwirksamkeit sind im Einklang und ermöglichen ein Flow-Erlebnis.
Fazit zur Gleichgewichtsfähigkeit
Die Ausbildung von Gleichgewichtsfähigkeiten gelingt leichter, wenn die Händigkeit und Füßigkeit mit der Balance-Seitigkeit harmonisieren.
Quellenangabe
- Bildquellen: freepik
- Liederman, J., & Coryell, J. (1981). Right‐hand preference facilitated by rightward turning biases during infancy. Developmental Psychobiology: The Journal of the International Society for Developmental Psychobiology, 14(5), 439-450. [PubMed]
- Witte, K. (2018). Gleichgewichtsfähigkeit. In Ausgewählte Themen der Sportmotorik für das weiterführende Studium (Band 2) (pp. 1-15). Berlin, Heidelberg: Springer Berlin Heidelberg. [Google Scholar]

