Als Händigkeit oder auch als dominante Hand wird die Bevorzugung einer Hand für bestimmte Tätigkeiten bezeichnet. Dabei können weitere Teilaspekte unterschieden werden:
- die Hand-Präferenz,
- die Hand-Geschicklichkeit,
- die Hand-Leistung in Form von Kraft, Schnelligkeit, Ausdauer und Genauigkeit.
Die Händigkeit hat über die Auge-Hand-Koordination großen Einfluss auf das Erlernen feinmotorischer Tätigkeiten wie zum Beispiel das Schreiben und Zeichnen.
Folgen einer nicht gelebten Händigkeit
Frau Dr. Johanna Barbara Sattler ist eine Pionierin der Händigkeits-Beratung in Deutschland und Autorin vieler Bücher (Literatur-Empfehlung in Vorbereitung). Sie gründete 1985 die erste Beratungs- und Informationsstelle für Linkshänder und umgeschulte Linkshänder. Es war die Zeit, als der Zwang, ausschließlich die rechte Hand zu nutzen, offiziell aufgeben wurde und linkshändige Kinder mit ihrer linken Hand schreiben lernen durften. Doch gab es bis dahin wenig Erfahrungen, kaum Anleitungen, dafür viele Vorbehalte und Vorurteile.
Laut ihrer Webseite berät sie auch, aus unterschiedlichen Gründen, umgeschulte Rechtshänder und teilt die Auswirkungen einer nicht gelebten Händigkeit in primäre und sekundäre Folgen ein (Sattler 2024).
Primäre Folgen
- Ungeschicklichkeit bei feinmotorischen Tätigkeiten
- Rechts-Links-Unsicherheiten
- Gedächtnisstörungen (Blackouts beim Abrufen von Lerninhalten)
- Sprachstörungen (Stammeln bis Stottern)
- Lese-und Rechtschreib-Probleme
Sekundäre Folgen
- Unsicherheit
- Minderwertigkeitsgefühle
- Zurückgezogenheit
- Überkompensation durch erhöhten Leistungseinsatz
- Trotzhaltungen, Widerspruchsgeist
- Imponier- und Provokations-Gehabe
- unterschiedliche Verhaltensstörungen
- Bettnässen und Nägelkauen
- emotionale Probleme
- Störungen im Persönlichkeitsbild
Es ist wichtig zu erwähnen, dass zu der damaligen Zeit vielen Linkshändern bewusst war, dass sie in ihrem so sein gehindert wurden. Die Methoden, mit denen diesen Kindern die Nutzung der linken Hand verboten wurde, hinterließ oft bewusste Spuren (Neumann 2014).
Wer anfängt sich mit Händigkeit näher zu befassen, wird schnell feststellen, dass es mitunter nicht so leicht ist, eindeutige Kriterien für die Dominanz einer Hand zu finden. Im Moment besteht die Ansicht, ein Kind findet selbst zu seiner Seite, indem es sich ausprobiert und sich selbst nach und nach für eine Seite entscheidet. Oft sagen Eltern: „Er/sie hat sich noch nicht entschieden, wir warten noch ab.“ Doch nach was entscheidet ein Kind zwischen 3 und 6 Jahren, wenn es gerade anfängt viele neue Tätigkeiten auszuprobieren, für die es noch keine motorischen Konzepte hat?
Versuch und Erfahrung oder Vorbild und Nachahmung?
In diesem Dilemma liegt die große Gefahr von unbewussten Umschulungen. In vielen anderen Prozessen der Entwicklung von Kindern ist es klar, dass Kinder sie noch nicht entscheiden können. Doch bei Entscheidungen über die Händigkeit, ist die Mehrheit sich sicher, dass ein Kind die richtigen Entscheidungen trifft.
Folgen einer unbewussten Umschulung
Unter der Annahme, durch das So-Sein-Lassen und Sich-Selbst-Finden lassen, optimale Bedingungen für eine motorische Entwicklung geschaffen zu haben, werden auftauchende Probleme nicht mit einer nicht gelebten Seitigkeit in Zusammenhang gebracht. Aus einer angenommenen Seitigkeit, entweder Links- oder Rechtshänder zu sein, folgen weiterführende Ausbildungen an einem Instrument, in einer bestimmten Sportart oder mit lateralisierenden Werkzeugen. Der unbewusste Umschulungsprozess setzt sich immer weiter fort.
Bis zu einem bestimmten Punkt:
… dann fällt eine Entscheidung, wie mit den immer wieder eintreffenden Unbehagen und Misserfolgen umzugehen ist. Entweder hält sich das Kind für diese Art von Tätigkeit für ungeeignet und es gibt auf, oder es nutzt jede Art von umgehenden Strategien und lernt zu schummeln und zu betrügen oder es setzt alle Kraft in die Bewältigung dieser Aufgabe – manchmal mit verbissenem, eisernen Willen. Letztere Strategie kann in Depressionen und Burnout enden.
Biologische und soziale Händigkeit
Die biologische Händigkeit ist im Einklang mit der angeborenen Balance-Seitigkeit. Die soziale Händigkeit ist eine lateralisierte Tätigkeit entsprechend sozialer Gegebenheiten. Das können neben räumlichen Gegebenheiten, ältere Geschwister, der Einfluss von Freunden oder anderen Familienmitgliedern bis hin zu selbst umgeschulte Eltern sein. Oft ist letzteren gar nicht bewusst, wie Tätigkeiten als Rechts- oder Linkshänder ausgeführt werden. Viele Tätigkeiten haben bei unbewusst umgeschulten Menschen einen pseudo-Charakter. Man meint, man wäre Rechts- oder Linkshänder und zeigt seinem Kind die Tätigkeit auf eine Weise, die das Kind nicht ausführen kann, weil der Ablauf nicht seiner Seitigkeit entspricht wie zum Beispiel das Schleife-Binden-Lernen.
Der Händigkeits-Entwicklungskreislauf
In der Embryonalentwicklung entwickeln sich Körper und innere Organe. Die Balance-Seitigkeit bildet sich mit der Entwicklung des Gleichgewichts-Systems (vestibuläres System) frühzeitig heraus. Beine und Arme werden angelegt und ihre Bewegung nach und nach koordiniert. So lässt sich die Bevorzugung einer Hand für das Daumen-Nuckeln im Mutterleib erklären. Auch die Einnahme bevorzugter fetaler Positionen sind mit einem bereits lateralisiertem vestibulären System sehr gut erklärbar.
Nach der Geburt startet ein multifaktorielles Entwicklungsprogramm, dass nach einem grundsätzlichem Prinzip folgt: Zuerst wird die motorische Basis für eine Bewegung geschaffen. Es bedarf ausreichender Kraft und sensorischer Koordination, um eine Position einzunehmen und zu halten. Ist der Halt/Stand stabil, entwickelt sich die bewusste Steuerung einer Bewegung und letztlich, wenn die Grund-Bewegung beherrscht wird, zielt die Entwicklung auf eine breite Anwendung für hohe Variabilität. Die Übergänge der einzelnen Phasen sind fließend und können von der kindlichen Bewertung der Situation abhängen.
Anteil der biologischen Linkshänder in der Gesamtbevölkerung
Der Anteil von Menschen, mit einer linksseitigen Dominanz der Balance-Seitigkeit liegt bei 25 – 28% (Teuschel, unveröffentlicht). Wenn beide Eltern eines Kindes Linkshänder sind, dann sind 26% der Kinder Linkshänder (McManus 1992, Studie mit 72.600 Kindern). Das linkshändige Kind hat zwei linkshändige Vorbilder und sicherlich aufmerksame Beobachter und damit optimale Bedingungen. 74% der Kinder werden trotz ihrer linkshändigen Eltern Rechtshänder (Ocklenburg 2024). Ist nur ein Elternteil Linkshänder, waren nur 19% der Kinder Linkshänder und sind beide Elternteile Rechtshänder, lag der Linkshänder-Anteil bei 9% (McManus 1992). Eigene Studien zeigten, dass Kleinkinder, in Bezug auf die Händigkeit, viele sozial geprägte Tätigkeiten durch Nachahmung erlernen.
Der Anteil von sozialen Linkshändern in der allgemeinen Weltbevölkerung, die sich über verschiedene manuelle Tätigkeiten wie z.B. Schreiben, Malen oder Werfen als Linkshänder identifizieren liegt zwischen 9,3% und 18,1% mit einer Gesamtschätzung von 10,6% (Papadatou-Pastou 2020). In dieser Gruppe sind zunehmend auch ein geringer Anteil Menschen mit einer rechtsseitigen Balance-Seitigkeit und wären damit eher biologische Rechtshänder. Damit ist davon auszugehen, dass der Anteil von nicht erkannten, biologischen Linkshändern in der allgemeinen Bevölkerung bedeutend höher liegt.
Bei einer gekreuzte Lateralität in der Nutzung von Füßen und Händen im Zusammenspiel mit den Augen, ist es sinnvoll, seine Balance-Seitigkeit zu bestimmen. Die Harmonie von Händigkeit, Füßigkeit und Äugigkeit schafft körperliche Identität, inneres Wohlbefinden, Freude an Bewegung und lebenslangem Lernen effizienter.
Fazit zur Bestimmung der Händigkeit:
Die Händigkeit
erklärt sich,
wenn die angeboren
Balance-Seitigkeit
hinzugezogen wird.
Quellenangabe:
- Bild: Markus Spikse, unsplash
- Neumann, M. (2014). Natürlich mit links. Zurück zur Linkshändigkeit – befreiter leben mit der starken Hand. Ariston, Berlin. [Google Scholar]
- McManus, I. C., & Bryden, M. P. (1992). The genetics of handedness, cerebral dominance, and lateralization. [Google Scholar]
- Ocklenburg, S. (2024). Left-Handedness and Brain Asymmetries. Springer Berlin Heidelberg. [Google Scholar]
- Papadatou-Pastou, M., Ntolka, E., Schmitz, J., Martin, M., Munafò, M. R., Ocklenburg, S., & Paracchini, S. (2020). Human handedness: A meta-analysis. Psychological bulletin, 146(6), 481. [Google Scholar]
- Sattler, J. B. (2024). Der umgeschulte Linkshänder: oder Der Knoten im Gehirn (Alle Klassenstufen). Auer Verlag. [Google Scholar]

